«Flachland-Adler» aus Rothenburg im Aufwind
Mattenspringer aus dem Saalkreis halten die Tradition hoch

(Beitrag vom 26.01.04/ M.Pietsch/ Mitteldeutsche Zeitung)

Rothenburgs Adler auf dem Schanzentisch ihres großen Bakkens. Benannt ist die Anlage, deren Glas- nunmehr durch eine Edelstahlspur ersetzt wurde, nach dem Nestor des Skispringens der Region. (MZ-Foto: Andreas Löffler)Die Brille sitzt. Noch mal durchschnaufen, und ab geht's. Am Schanzentisch richtig strecken, Flugphase, Landung auf dem nur von wenigen Schneeflocken betupften Mattenhang. Ein Blick hinauf zum Trainer - der streckt den Daumen nach oben. "Es war wohl ganz gut. Auch wenn es noch weiter gehen könnte. Aber bei meinem Vorbild Martin Schmitt klappt ja auch nicht immer alles", sagt Kevin Blümke mit schelmischem Blick. Der Zwölfjährige, der kurz darauf seine Bretter schultert und zum nächsten Versuch die Treppe neben der Schanze hinauf stapft, ist mehrfacher Landes- und Regionalmeister. Und einer der 21 "Flachland-Adler" vom Ski- und Freizeitverein Rothenburg.

Auch das Nesthäkchen Patrick Voigt, im zarten Alter von fünfeinhalb Lenzen, hat bereits die Bretter, die für ihn die Welt bedeuten, über die Schulter gelegt. Mit Kevins Schwester Jessika (15) und Claudia Espenhahn (18) frönen sogar zwei mutige Mädchen ihrer Liebe zum Schanzensport. Was die aus Rothenburg, Könnern, Bernburg, Halle, Wiehe, Wansleben und Braunschweig kommenden Skisportler draufhaben, zeigen sie seit Jahren bei Landes- und Regional-Championaten. Erst im Januar flog der 15-jährige Philipp Peters in Wippra mit 43,5 und 44 Metern zum Titel seiner Altersklasse, landeten Patrick Valentin und Christian Wunsch bei den 17-Jährigen einen Doppelsieg. 14 Medaillen brachten Rothenburger mit ins Saaletal.

Eine Schanze mitten im Flachland? Der Klub aus dem Norden des Saalkreises besitzt sogar drei: die Zwergenschanze mit dem kritischen Punkt von 7 Metern, die der Schüler, von der schon über 18,5 Meter gesprungen worden sind, und die Großschanze (Rekord: 38 Meter). "Hier werden unsere Talente am meisten gefordert", sagt Roland Blümke, der den 50 Vereinsmitgliedern vorsteht. Mit dem großen Bakken hat es eine besondere Bewandtnis. "Am 18. Juli 2003 tauften wir die Anlage nach unserem Nestor Peter-Ott-Schanze. Dabei wusste der Namensgeber von unserer Absicht nichts." Erst als Ott im MDR-Fernsehstudio seinen alten Freund und Bundestrainer Reinhard Heß wiedersah und es eine Live-Schaltung nach Rothenburg gab, wurde das Geheimnis gelüftet. "Schön, dass Peter das noch erlebt hat", meint Ronald Blümke nachdenklich. Ende November starb der Inbegriff des Skispringens in dieser Region 68-jährig. "Da wir seit jeher eine große Familie sind und auch den schweren Wiederanfang nach der Wende gepackt haben, gab es keinen Bruch." Was nicht heißt, es gäbe keine Probleme. Wie auch anderswo steht die leidige Geldfrage obenan. Jeder Wettkampf ist ein organisatorischer und finanzieller Kraftakt. Jetzt krempeln die Rothenburger wieder die Ärmel hoch: Die Werbebanden werden verlängert, ein Sanitärtrakt soll ebenso her wie neue oder gebrauchte Matten für den Schanzenauslauf. Blümke: "Sponsoren sind bei uns natürlich immer willkommen. Aber wir schaffen auch das, denn wir Skispringer sind ein besonderes Völkchen."