«Der deutsche Skisprung lebt»
Erfolgstrainer glaubt an Ende der Talsohle - Rothenburger Andreas Wank im Blick

(Beitrag vom 13.06.04 / M.Pietsch/ Mitteldeutsche Zeitung)

Auch auf den Sprung-Skiern der Aktiven sollte Reinhard Heß in Rothenburg seinen Schriftzug hinterlassen. Der langjährige Bundestrainer war am Wochenende der Stargast beim Sprunglauf im Nussgrund. (MZ-Foto: Andreas Löffler)Er kennt sein Metier wie kein Zweiter: Reinhard Heß, der Erfolgstrainer des Skisprung-Sports in Deutschland schlechthin. Als Chefcoach der Schanzenadler kümmert sich der 59-Jährige seit einem Jahr wieder verstärkt um den Nachwuchs auf den Bakken. Beim 2. Internationalen Mattenspringen in Rothenburg (MZ berichtete) war der Medaillen-"Goldschmied" Heß Stargast. Am Rande der Veranstaltung, bei der er die Besten auszeichnete und natürlich auch Autogramme gab, kam unser Redakteur Michael Pietsch mit ihm ins Gespräch.


Was führt Sie an eine der nördlichsten deutschen Schanzen?

Heß: Einmal natürlich das Interesse an der Arbeit hier im Flachland. Vor allem aber die langjährige Freundschaft zu Peter Ott, dem Vater des Rothenburger Skispringens. Bei einer Fernsehsendung im Sommer letzten Jahres zum 40-jährigen Jubiläum des SFV Rothenburg hatte ich ihm versprochen, eines der nächsten Skispringen hier im Nussgrund zu besuchen. Um so mehr hat mich die Nachricht von seinem Tod im Herbst 2003 getroffen. Aber ich bin sicher, Peter hat heute seinen Jungs beim Skispringen von oben zugesehen.

Wo liegen die Wurzeln für das enge Verhältnis Ott - Heß?

Heß: Peter Ott kannte ich seit Mitte der 60er Jahre. Da sprang er selbst noch und wurde von uns als illustrer Flachländer zwar manchmal belächelt, dann aber wegen seines Mutes, sich auch auf große Bakken zu wagen, geschätzt. Später hatte ich Peters Sohn Wilmar in Zella-Mehlis unter meinen Fittichen. Immerhin hat es der talentierte Junge 1970 zum Jugendmeister der DDR und in die Nachwuchs-Auswahl gebracht. Auf der Rennsteigschanze packte er 107 Meter. Warum dann der ganz große Sprung ausblieb, weiß nur Wilmar selbst.

Seit Ihrem Rückzug als Bundestrainer fehlen die Siegspringer vom Format eines Schmitt oder Hannawald, auch zuletzt bei der Vierschanzentournee und bei der Skiflug-WM. Haben die deutschen Adler das Fliegen verlernt?

Heß: Sicher nicht. Ich denke, auch einen Bruch gab es nicht. Nur, ein Talent wie beispielsweise Michael Uhrmann allein ist zu wenig für die internationale Spitze. Einmal gewinnen ist einfach, immer gewinnen zu müssen, schwer. Auch nach Weißflog oder Thoma herrschte Weltuntergangsstimmung, und das war noch unter meiner Regie. Jetzt beeinflussten zum Beispiel Diskussionen um Sprungmaterial, die vielzitierte Ernährungsfrage oder auch um den Betreuer- und Trainerstab die Entwicklung nicht immer positiv.

Wie tief sitzt eigentlich noch der Frust über Ihren mehr oder weniger erzwungenen Rückzug als Bundestrainer?

Heß: Schmutzige Wäsche waschen, das ist nicht mein Stil. Menschen machen nun mal Fehler.

Worin besteht jetzt Ihre berufliche Hauptaufgabe als Cheftrainer?

Heß: Ich arbeite nicht mehr direkt am Mann, sondern bin sozusagen der verlängerte Arm des Verbandes. Ich höre mir die Sorgen und Nöte der Basis an, wo die Ehrenamtlichen gute Arbeit leisten. Außerdem gebe ich trainingsmethodische Tipps. Ich versuche also, die Wurzeln des Baumes zu pflegen, damit er nicht eingeht. Und ich weiß: Der deutsche Skisprung lebt.

Was halten Sie vom 16-jährigen Rothenburger Andreas Wank, der im Skigymnasium Oberhof ist und zum deutschen C-Kader gehört?

Heß: Ohne ihn in eine Favoritenrolle drängen zu wollen: Der Bursche wird trotz seiner Verletzung vor zwei Jahren und momentaner schulischer Belastungen noch kommen.