Der Saalekreis blickt auf die Schanzen in Whistler
(Beitrag vom 20.02.10 / R.Fritz/ Mitteldeutsche Zeitung)

Wenn es Amina und Enno Wank danach wäre, könnten sie einen Höllenlärm veranstalten. Im Flur ihres Hauses in der 800-Seelen-Gemeinde Domnitz im Saalekreis hängen sechs riesige Kuhglocken. Das Läuten der voluminösen Klangkörper würde das ganze Dorf aufschrecken. Aber dafür sind die Glocken nicht gedacht - es sind Erinnerungen an die sechs Starts ihres Sohnes Andreas Wank bei der internationalen Vierschanzen-Tournee. "Wir haben ihn jedes Mal begleitet und als Erinnerung in Oberstdorf oder Garmisch-Partenkirchen eine Glocke gekauft", erzählt Amina Wank.

"Er macht sich schon genug Stress, da müssen wir nicht noch nachhelfen."
 Enno Wank, Vater von Andreas Wank

Einen Tag nach seinem 22. Geburtstag hat der Skispringer Andreas Wank gestern in Whistler bei seinem olympischen Debüt in der Qualifikation mit einem starken Sprung von 137,5 Meter als Drittbester den Wettbewerb auf der Großschanze erreicht. In Kanada sind seine Eltern nicht dabei. Sie haben seinen Einstand zu Hause im Fernsehen verfolgt. Genauer gesagt, nur die Mutter. Denn Enno Wank hatte als Leiter der Jugendfeuerwehr in Domnitz zur gleichen Zeit eine Übung angesetzt - wie jeden zweiten Freitag um 17 Uhr. Seine Frau hat ihn per Telefon auf dem Laufenden gehalten und das Springen aufgezeichnet. Den Wettkampf verfolgen sie gemeinsam.

Die Eltern, beide 42 Jahre alt, vertrauen ihrem Jungen, lassen ihn weitgehend in Ruhe. "Er macht sich schon genug Stress, da müssen wir nicht noch nachhelfen", meint der Vater. "Wir rufen ihn nicht an, weil wir ihn nicht stören möchten", erzählt Amina Wank. "Aller zwei bis drei Tage halten wir per SMS Kontakt, sind so auf dem Laufenden." Als sie ihm auf diesem Weg zum Geburtstag gratuliert haben, kam von Andreas Wank die Antwort, wie sie diese erwartet hatten. "Er schrieb, dass er auf der Großschanze alles daran setzen werde, um auch für den Teamwettbewerb nominiert zu werden", sagt Amina Wank.

Drei Plätze sind dafür bereits an die Routiniers Martin Schmitt, Michael Uhrmann und Michael Neumayer so gut wie vergeben. Um die letzte freie Stelle bewerben sich Andreas Wank und Pascal Bodmer. Die Konstellation ist übersichtlich: Wank muss besser als Bodmer springen, der von der Normalschanze als 31. das Finale verpasst hatte und unter den Erwartungen geblieben war.

Die Eltern verspüren die Anteilnahme. Enno Wank ist Schichtleiter im Draht- und Seilwerk Rothenburg, dem von Domnitz etwa 15 Kilometer entfernten Ort, auf dessen Schanzen Andreas Wank als Sechsjähriger mit dem Springen begonnen hatte. "Viele sprechen mich an, machen Mut und lassen Grüße an Andreas ausrichten", berichtet er. Amina Wank arbeitet im Dialysezentrum in Halle und erfreut sich dort an dem Interesse um die deutschen Olympiastarter: "Die Patienten wollen viel über Andreas wissen und verfolgen während der Behandlungen das Olympiageschehen im Fernsehen."

Andreas Wank ist zwar schon im Alter von zehn Jahren von zu Hause weggegangen und zum Skigymnasium nach Oberhof gewechselt, aber der Kontakt in die Heimat in Sachsen-Anhalt und besonders zu seinen Eltern ist ihm immer wichtig und eng geblieben. "Es war anfangs schwer, so zeitig auf sich allein gestellt zu sein", hat er in einem MZ-Gespräch kurz vor seiner Abreise zu den Olympischen Winterspielen erzählt. "Aber es hatte auch große Vorteile. Ich bin vielleicht zeitiger selbständig geworden als andere in meinem Alter."